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Gastbeitrag von Moritz Maring, Medizinstudent in Plovdiv

26.02.2021 - Artikel

In Bulgarien gibt es über 1000 deutsche Studierende. Einer von ihnen ist  Moritz Maring. Hier berichtet er über seine Erfahrungen.

Ich wollte von klein auf an Medizin studieren. dies lag daran das beide meine Eltern Ärzte sind (ja ich entspreche dem Klischee) und ich über diese früh einen Einblick in die Medizin vermitteln bekam und allem was dazu gehört (hier ins Detail zu gehen würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen). Das war schön und gut, doch das Ausbleiben akademischer Ausnahmeleistungen hat mir die Hoffnung Medizin zu studieren (zumindest auf konventionellem Wege) schnell zu Nichte gemacht. Dementsprechend demotiviert endete meine Schullaufbahn mit einem mittelmäßigen Abitur.

Trotzdem war ich nicht bereit das Medizinstudium gänzlich auf zu geben, also bewarb ich mich um ein FSJ als Rettungssanitäter. In diesem Jahr hatte ich mehr als nur ein Erlebnis, das meine Sicht auf das Leben grundlegend veränderte und mir Demut und Respekt gelehrt haben. Viele dieser Ereignisse waren tragisch und es wurden einem auch die Schattenseiten des Mediziner Daseins und des Gesundheitssystems an sich gezeigt. Trotzdem sind die Lektionen und die Erfahrungen, die einem vermittelt werden unbezahlbar und ich kann nur jedem empfehlen, der an Medizin interessiert ist auch ein FSJ oder etwas Vergleichbares zu machen. Weiter in dem Wunsch Medizin zu studieren bestärkt, war es umso frustrierender, dass es trotz des FSJ unmöglich war einen Studienplatz zu finden.

Also habe ich mich an einem Soziologie Studium an der UNI Hamburg versucht. Dies war auch eine abenteuerliche Zeit, mit dem ein oder anderen bizarren Erlebnis, trotzdem kamen mir früh Zweifel an meiner Studienwahl. Letztendlich versetzte das Arbeiten mit STATA (einem Statistik Programm) meinen Ambitionen Soziologe zu werden den Todesstoß.

Es galt also was anderes und diesmal Endgültiges zu finden. Meine Mutter schlug mir vor privat in Hamburg Psychologie zu studieren, da auch dies mich sehr interessierte. Bis dahin hatte ich die Option eines Privatstudiums gänzlich ausgeschlossen. Je mehr ich jedoch darüber nachdachte, desto mehr hörte es sich nach einer guten Idee an. Allerdings war mir klar, dass, wenn ich irgendetwas privat studieren würde, dann sollte es Medizin sein.

So kam es dann, dass wir schon am nächsten Tag mit einer Agentur in Kontakt standen, die versprach jedem mit dem nötigen Willen einen Studienplatz im Ausland zu finden. Das ließ sich diese aber auch ziemlich großzügig bezahlen. Lassen Sie mich verehrte Leser/innen an dieser Stelle Sie dazu ermutigen es zu versuchen, sich ohne eine solche Agentur zu bewerben. Dies ist zwar mit mehr Aufwand verbunden, spart ihnen aber eine Menge Geld und ist durchaus machbar. Falls Sie meinen doch eine Agentur zu brauchen, kann ich ihnen nur dringend empfehlen NICHT die Erstbeste zu nehmen sondern ein bisschen Nachforschung und einen Preisvergleich anzustellen. Nachdem wir mit dieser Agentur alle Möglichkeiten (Details zu diesen Möglichkeiten lassen sich leicht per Internet Recherche herausfinden) durchgingen, kristallisierte sich Plovdiv, eine Stadt in Bulgarien von der ich bis dato noch nie gehört hatte, als beste Option heraus. So begann ich also für den Aufnahmetest an der Medical University of Plovdiv zu lernen (auch hierzu lassen sich alle Details auf der Uni Website finden, inklusive möglichen Fragen).

Plovdiv Theater
Plovdiv Theater© Moritz Maring

 Diese Vorbereitung gipfelte in meiner ersten Reise nach Bulgarien. Ich landete in Sofia und von da aus ging es dann mit dem Taxi nach Plovdiv, und das für nur 50 Euro auf 150 Kilometer (die kosten einer solchen Taxifahrt würde einen in Deutschland in den finanziellen Ruin treiben). Dieser Preisunterschied beschränkt sich nicht nur auf Taxifahrten. Wenn man diesen pauschalisieren wollte könnte man behaupten, dass alles die Hälfte (im Vergleich zu deutschen Preisen) kostet. Angekommen in Plovdiv galt es die Stadt zu erkunden. Plovdiv ist eine der ältesten Städte der Welt. Dies macht sich besonders durch Bauten aus längst vergangenen Zeiten wie zum Beispiel des Amphitheaters oder des Aquädukts bemerkbar. Diese wurden bemerkenswert gut in die moderne Stadt integriert, was ein ausgesprochen schönes Stadtbild schafft, das mühelos mit denen anderer europäischen Kultur-Städten mithalten und zu weilen auch übertreffen kann.

Die Leute, die einem begegnen sind zum größten Teil herzlich und offen, welches einem -gelegentlichen Sprachbarrieren zum Trotz - das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Am Tag des Aufnahmetests lernte ich einige meiner zukünftigen Kommilitonen kennen, die mit derselben Agentur wie ich reisten. Der Test selbst erwies sich als durchaus machbar, sofern man sich einigermaßen vorbereitet hat (da muss man sich wirklich kaum Sorgen machen). Die Wohnungssuche nach dem Test war auch ausgesprochen erfreulich, da der bereits erwähnte Preisunterschied Wohnungen erschwinglich machte. Gemessen an Studentenverhältnissen purer Luxus und das für einen Preis, zu dem man in Hamburg nicht einmal einen Schrank unter der Treppe kriegen würde. Da dieser Tag gebührend gefeiert werden musste, ging es am Abend in die Kapana, eines von Plovdivs Bar- und Club Vierteln, welche es durchaus mit der Sternschanze aufnehmen könnte. Und so nahm meine erste Reise nach Plovdiv ein Ende.


Das Leben in Plovdiv
Nachtleben Plovdiv
Nachtleben Plovdiv© Moritz Maring

Lassen Sie mich mit dem Uni Alltag und dem Studium an sich anfangen. Das Studium selbst unterscheidet sich nicht wesentlich von einem deutschen Studium.  Der wahrscheinlich größte Unterschied ist, dass wir kein klassisches Physikum haben. Außerdem sind die Versuche für ein Examen nicht beschränkt, was im Falle von Fächern wie Chemie und Physik eine große Erleichterung darstellt. Die meisten Professoren sind sehr engagiert und vermitteln ihr Fach mit Freude. Es gibt auch Professoren, die einen sehr „individuellen“ Unterrichtsstil verfolgen, aber auch daran gewöhnt man sich schnell. Der Unterricht selbst richtet sich nach einem Stundenplan bestehend aus Vorlesungen und „Practicals“, von denen die meisten Pflichtveranstaltungen sind. Die „Practicals“ werden in Gruppen von 10-15 Student/innen auf Englisch unterrichtet (Bulgarisch wird erst im Klinikteil des Studiums notwendig, es bietet sich aber natürlich trotzdem an dieses so früh wie möglich zu lernen). Dies alles vermittelt einen etwas verschulten Eindruck.

Das Studentenleben in Plovdiv ist unübertroffen. Das liegt vor allem an dem Zusammenhalt unter den Studenten, der sich so wahrscheinlich kaum an einer deutschen Uni finden lässt. Alle kennen sich untereinander und jeder hilft jedem. Dies beschränkt sich nicht nur auf die Studenten. Die deutsche Botschaft in Sofia sowie das Honorarkonsulat helfen mit regelmäßigen Treffen die deutschen Studenten zu vernetzen und bieten so diverse Möglichkeiten, das Leben in Bulgarien noch angenehmer zu gestalten. Abgesehen davon wird auch unter den Studenten sehr viel miteinander unternommen. Dies reicht von den obligatorischen Feiern, zu diversen Freizeitaktivitäten mit allen möglichen Sportarten, bis hin zum Go-Cart fahren oder Paintball spielen. Auch die Umgebung Plovdivs lädt zum Entdecken ein, die Türkei und Griechenland sind nur wenige Autostunden entfernt was einen Städterundtrip oder ein Strandwochenende zu einer validen Option für ein langes Wochenende macht.

Studenten Plovdiv
Studenten Plovdiv© Moritz Maring

 Im Winter kann man sogar im nahe gelegenen Gebirge Skifahren gehen. Dies alles ist durch den bereits erwähnten Preisunterschied zu Deutschland gut mit einem Studententaschengeld vereinbar. Abschließend lässt sich für mich nur sagen, dass ich sehr froh bin nach Plovdiv gekommen zu sein und ich das Studium hier Jedem der Daheim nichts findet nur zutiefst empfehlen kann.


Moritz Maring

P.S. Wenn es Sie je nach Plovdiv verschlagen sollte, holen sie sich unbedingt einen Gyros bei Gyroland.

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